SoH-Wert einfach erklärt: Was die Zahl beim gebrauchten E-Auto bedeutet
Wer ein gebrauchtes E-Auto kauft oder verkauft, begegnet schnell drei Buchstaben: SoH, der State of Health. Die Zahl steht im Inserat, im Prüfbericht und in der Verhandlung. Sie ist nützlich, und sie hat Kleingedrucktes. Dieser Artikel erklärt beides, ohne dass Sie Akkutechnik lernen müssen.
Was der SoH-Wert bedeutet
Der SoH beschreibt, wie viel nutzbare Kapazität ein Akku im Vergleich zum Neuzustand noch hat. 90 Prozent SoH bei einem Akku mit ursprünglich 75 kWh netto heißt: Heute stehen noch rund 67,5 kWh zur Verfügung. Der Wert sinkt über die Lebensdauer, durch das Alter des Akkus und durch Ladezyklen. Das ist normal und kein Mangel.
Welcher SoH-Wert ist gut?
Es kommt auf Alter und Laufleistung an. Als Faustregeln, mit aller Vorsicht vor der Scheingenauigkeit einer einzelnen Zahl:
- Über 95 % ist typisch für junge Fahrzeuge in den ersten zwei, drei Jahren.
- 90 bis 95 % ist für die meisten Gebrauchten mittleren Alters unauffällig.
- 85 bis 90 % ist bei sechsstelligen Laufleistungen normal: Flottenanalysen zeigen im Schnitt noch rund 87 % nach 300.000 km (mehr dazu im Beitrag zur Lebensdauer von E-Auto-Batterien).
- Unter 80 % verlangt Einordnung: Wie alt, wie gefahren, und ist das eine Einzelmessung oder ein bestätigter Trend?
Dazu kommt die Richtung. In den ersten ein, zwei Jahren fällt die Kapazität spürbar, oft in den Bereich von 93 bis 97 Prozent, danach flacht die Kurve deutlich ab. Ein drei Jahre altes Auto mit 94 Prozent ist deshalb kein Warnsignal, sondern Normalfall. Ein stabiler 89er-Wert ist eine andere Nachricht als ein 92er, der gerade zügig fällt. Sehen kann man das nur mit einem Verlauf.
SoH ist nicht Reichweite
Reichweite hängt zusätzlich an Verbrauch, Wetter, Fahrprofil und Software. Ein gesunder Akku kann im Winter wenig Reichweite anzeigen, ein gealterter im Sommer viel. Wer den Akkuzustand beurteilen will, braucht Kapazitätsdaten. Die Reichweitenanzeige im Armaturenbrett ist dafür kein Ersatz.
Warum zwei Messungen verschiedene Werte zeigen
SoH ist keine genormte Messgröße mit einem einzigen Verfahren. Die Methode, die Temperatur, der Ladezustand beim Messen und die Bezugsgröße verschieben das Ergebnis. Viele angezeigte Werte sind zudem eine Schätzung des Fahrzeugs selbst, die ohne Kalibrierung driftet, bei LFP-Batterien besonders. Zwei Messungen am selben Auto können deshalb mehrere Prozentpunkte auseinanderliegen, ohne dass sich am Akku etwas geändert hat.
Für Sie heißt das: Ein einzelner Wert mit Nachkommastelle ist genauer, als er sein kann. Eine belastbare Angabe nennt einen Bereich, und sie sagt, wie sie zustande kam. Was die Zahl im Einzelnen verschiebt, steht im technischen Hintergrund direkt darunter.
Für TechnikinteressierteTechnischer Hintergrund (optional)
Bezugsgröße, Messmethode, Messbedingungen und die Schätzung des Fahrzeugs selbst: was einen SoH-Wert verschiebt, und was Garantie und Euro 7 festlegen. Zum Kaufen oder Verkaufen brauchen Sie diesen Abschnitt nicht.
Vier Dinge stecken hinter jeder SoH-Angabe, und alle vier können das Ergebnis verschieben.
Die Bezugsgröße. Brutto- oder Nettokapazität? Katalogwert oder das, was das Fahrzeug im Neuzustand tatsächlich hatte? Hersteller bauen zudem Puffer ein, die teils per Software verändert wurden. Schon die Wahl der Bezugsgröße verändert den Prozentwert.
Die Messmethode. Ein voller Entladezyklus misst anders als ein 3-Minuten-Impulstest, und beide messen anders als die laufende Schätzung des Batteriemanagementsystems. Ohne Methodenangabe ist ein SoH-Wert schwer einzuordnen.
Der Zustand beim Messen. Temperatur und Ladezustand beeinflussen das Ergebnis. Derselbe Akku kann an einem kalten Morgen anders abschneiden als nach einer Autobahnfahrt.
Das BMS selbst. Viele „SoH-Werte“ sind keine Messung, sondern die Selbsteinschätzung des Fahrzeugs, und die driftet, wenn sie lange nicht kalibriert wurde. Besonders LFP-Akkus mit ihrer flachen Spannungskurve sind dafür anfällig; deshalb empfehlen Hersteller dort regelmäßiges Vollladen.
Die 70-Prozent-Schwelle. Wie die meisten Hersteller garantiert Tesla den Akku acht Jahre (je nach Variante 160.000 bis 240.000 km) auf mindestens 70 Prozent Kapazität. Die EU zieht nach: Euro 7 verankert erstmals amtliche Mindesthaltbarkeiten für Antriebsbatterien neuer Fahrzeugtypen. SoH wird damit von der Community-Zahl zur regulierten Messgröße.
Ein Verlauf über Monate mildert diese Einflüsse: Sprünge, BMS-Drift und Messfehler mitteln sich heraus, Ausreißer fallen auf. Darauf setzt Akkubrief, mit einem Bereich und ausgewiesener Unsicherheit statt einer scheingenauen Nachkommastelle. Wie das funktioniert, steht offen in der Methodik.
Was Sie mit dem Wert anfangen können
Wenn Sie kaufen: Fragen Sie nach dem Wert, nach der Messmethode und danach, seit wann er in diesem Bereich liegt. Die letzte Frage kostet nichts und trennt Inserate mit Substanz von Inseraten mit einer Zahl. Welche Prüfwege es gibt und was sie kosten, zeigt der Vergleich der Prüfwege für die Tesla-Batterie.
Wenn Sie verkaufen: Ein guter Wert beruhigt, ein stabiler Verlauf überzeugt. Akkubrief baut diesen Verlauf im Alltag auf: Bei unterstützten Fahrzeugen verbinden Sie Ihr Auto einmal mit Lesezugriff, danach wird aus echten Ladevorgängen immer wieder dieselbe Größe bestimmt, als Bereich mit ausgewiesener Unsicherheit. Was eine so entstandene Batteriehistorie über einen einzelnen Wert hinaus zeigt und warum sie sich nicht nachholen lässt, steht im eigenen Beitrag dazu.