SoH einfach erklärt: Was der State of Health wirklich aussagt
Wer ein gebrauchtes E-Auto kauft oder verkauft, stolpert sofort über drei Buchstaben: SoH, der State of Health. Die Zahl klingt objektiv — 91 Prozent, fertig. In Wahrheit ist sie eine Schätzgröße mit Kleingedrucktem. Wer das Kleingedruckte kennt, verhandelt besser.
Was SoH bedeutet
Der SoH beschreibt, wie viel nutzbare Kapazität eine Batterie im Vergleich zum Neuzustand noch hat. 90 Prozent SoH bei einer Batterie mit ursprünglich 75 kWh netto heißt: heute stehen noch rund 67,5 kWh zur Verfügung. Der Wert sinkt über die Lebensdauer — durch kalendarische Alterung und durch Ladezyklen.
Warum eine einzelne Zahl täuschen kann
Vier Dinge stecken hinter jeder SoH-Angabe, und alle vier können das Ergebnis verschieben:
Die Bezugsgröße. Brutto- oder Nettokapazität? Katalogwert oder das, was das Fahrzeug im Neuzustand tatsächlich hatte? Hersteller bauen zudem Puffer ein, die teils per Software verändert wurden. Schon die Wahl des Nenners verändert den Prozentwert.
Die Messmethode. Ein voller Entladezyklus misst anders als ein 3-Minuten-Impulstest, und beide messen anders als die laufende Schätzung des Batteriemanagementsystems. Ohne Methodenangabe ist ein SoH-Wert schwer einzuordnen.
Der Zustand beim Messen. Temperatur und Ladezustand beeinflussen das Ergebnis. Dieselbe Batterie kann an einem kalten Morgen anders abschneiden als nach einer Autobahnfahrt.
Das BMS selbst. Viele „SoH-Werte" sind keine Messung, sondern die Selbsteinschätzung des Fahrzeugs — und die driftet, wenn sie lange nicht kalibriert wurde. Besonders LFP-Batterien mit ihrer flachen Spannungskurve sind dafür anfällig; deshalb empfehlen Hersteller dort regelmäßiges Vollladen.
SoH ist nicht Reichweite
Reichweite hängt zusätzlich an Verbrauch, Wetter, Fahrprofil und Software. Eine gesunde Batterie kann im Winter wenig Reichweite anzeigen, eine degradierte im Sommer viel. Wer Batteriezustand beurteilen will, braucht Kapazitätsdaten — nicht die Reichweitenanzeige vom Armaturenbrett.
Der typische Verlauf: erst steil, dann flach
Flotten- und Community-Daten zeigen ein wiederkehrendes Muster: In den ersten ein, zwei Jahren fällt die Kapazität spürbar (oft in den Bereich von 93 bis 97 Prozent), danach flacht die Kurve deutlich ab. Ein drei Jahre altes Auto mit 94 Prozent ist deshalb kein Warnsignal, sondern Normalfall. Auffällig wird es, wenn der Verlauf vom Muster abweicht — was man nur sieht, wenn man einen Verlauf hat.
Die 70-Prozent-Schwelle
Tesla — wie die meisten Hersteller — garantiert die Batterie acht Jahre (je nach Variante 160.000 bis 240.000 km) auf mindestens 70 Prozent Kapazität. Und die EU zieht nach: Euro 7 verankert erstmals amtliche Mindesthaltbarkeiten für Antriebsbatterien neuer Fahrzeugtypen. SoH wird damit von der Community-Zahl zur regulierten Messgröße — ein Grund mehr, beim Gebrauchtkauf auf belastbare Werte zu bestehen.
Warum Historie mehr beweist als eine Momentaufnahme
Eine einzelne Messung sagt: So war es an diesem Tag, mit dieser Methode. Ein Verlauf über Monate sagt: So altert diese Batterie wirklich. Sprünge, BMS-Drift und Messfehler mitteln sich heraus, Ausreißer fallen auf. Genau darauf setzen wir bei Akkubrief — den Batteriezustand aus der Ladehistorie über viele Ladevorgänge zu berechnen, als Bereich mit ehrlicher Unsicherheit statt einer scheingenauen Nachkommastelle. Wie das funktioniert, steht offen in unserer Methodik.